Was ich nach hunderten Trauungen über das Heiraten gelernt habe

08.10.2026

Mehr als 25 Jahre als Standesbeamter, mehr als 400 Trauungen –  unzählige Paare, Geschichten und ganz unterschiedliche Hochzeiten.
Wenn man so viele Menschen an ihrem Hochzeitstag begleiten durfte, sammelt man mit der Zeit nicht nur Erfahrung mit Trauungszeremonien. Man bekommt auch einen besonderen Blick darauf, was eine Hochzeit wirklich besonders macht.
Und eines kann ich heute mit ziemlicher Sicherheit sagen:
Es sind nur selten die Dinge, die man lange im Voraus perfekt geplant hat, an die man sich am längsten erinnert.

Eine Hochzeit muss nicht perfekt sein
Natürlich soll am Hochzeitstag möglichst alles funktionieren: Das Kleid soll passen, die Musik soll zum richtigen Zeitpunkt starten, die Blumen sollen schön aussehen und natürlich wäre ein bisschen Sonnenschein auch nicht schlecht.
Aber manchmal läuft eben etwas anders. Vielleicht regnet es. Vielleicht funktioniert die Technik nicht sofort. Vielleicht ist jemand nervös, vergisst seinen Text oder muss mitten in der Zeremonie lachen.
Und wisst ihr was?
Das ist nicht schlimm!
Im Gegenteil: Oft sind es gerade diese kleinen, ungeplanten Momente, die eine Hochzeit persönlich und unvergesslich machen. Eine Hochzeit ist kein perfekt inszeniertes Bühnenstück. Sie ist ein besonderer Moment im Leben zweier Menschen. Und deshalb darf sie auch echt sein.

Die schönsten Geschichten sind oft die kleinen
Nach so vielen Trauungen habe ich gelernt, dass es für eine persönliche Trauung nicht unbedingt die spektakulärste Liebesgeschichte braucht. Es sind oft die kleinen Dinge, die viel mehr über ein Paar erzählen: Der erste gemeinsame Urlaub, der völlig anders gelaufen ist als geplant. Die eine Eigenschaft, über die man sich manchmal ärgert – und die man gleichzeitig niemals missen möchte. Ein gemeinsamer Insider, den sonst niemand versteht. Oder der Moment, in dem einer von beiden gemerkt hat: Mit diesem Menschen möchte ich mein Leben verbringen.
Genau solche Geschichten machen eine Trauungsrede persönlich. Denn eine gute Rede sollte nicht einfach erzählen, was passiert ist, sie sollte zeigen, wer diese beiden Menschen sind.

Man muss nicht alles machen, nur weil man es bei Hochzeiten eben macht
Es gibt unzählige Traditionen und Möglichkeiten rund um eine Hochzeit: Ringe tauschen, Eheversprechen, Rituale, Einzug, Musik, Tortenanschnitt, Spiele, Reden. Vieles davon kann wunderschön sein. Aber nichts davon muss automatisch Teil eurer Hochzeit sein.
Wenn ein Ritual zu euch passt, dann macht es.
Wenn ihr euch mit einem persönlichen Eheversprechen wohlfühlt, dann sagt euch diese Worte.
Und wenn ihr bei einer bestimmten Tradition denkt: Das sind einfach nicht wir, dann lasst sie weg.
Eine Hochzeit muss nicht zeigen, wie eine Hochzeit auszusehen hat. Sie darf zeigen, wie ihr seid.

Die Gäste sind wichtig – aber heiraten tut ihr
Natürlich möchte man, dass sich die Familie und Freunde wohlfühlen. Dass alle einen schönen Tag erleben und sich gerne daran erinnern. Aber irgendwann habe ich festgestellt: Bei der Planung einer Hochzeit darf man sich nicht ausschließlich fragen, was den anderen gefallen könnte. Ihr müsst Euch auch selbst wiederfinden. Denn es ist Euer Tag.
Wenn ihr lieber im kleinen Kreis feiert als mit 150 Gästen – dann ist das richtig.
Wenn ihr lieber im Wald, auf einer Wiese oder an einem Ort heiratet, der für Euch eine besondere Bedeutung hat – dann ist das richtig.
Wenn ihr keine klassische Hochzeit wollt – dann braucht ihr auch keine klassische Hochzeit.

Nervosität gehört dazu
Ich habe viele Brautpaare erlebt, die kurz vor der Trauung unglaublich nervös waren. Manche konnten kaum stillstehen. Andere haben plötzlich vergessen, was sie eigentlich sagen wollten. Und wieder andere waren überzeugt, dass sie bei ihrem Eheversprechen kein einziges Wort herausbringen würden, ohne zu weinen.
Auch das gehört dazu. Eine Hochzeit ist schließlich kein ganz gewöhnlicher Termin. An diesem Tag passiert etwas, das man nicht einfach wiederholt. Deshalb muss man auch nicht versuchen, jede Emotion zu kontrollieren.
Wenn die Stimme zittert, dann zittert sie eben. Wenn Tränen kommen, dann kommen sie. Und wenn zwischendurch gelacht wird, ist das genauso schön.

Die großen Worte sind nicht immer die besten
Eine Liebeserklärung muss nicht klingen wie aus einem Film. Oft sind es die einfachen Worte, die am meisten bedeuten.
"Ich kann mir mein Leben ohne Dich nicht mehr vorstellen."
"Du bist der Mensch, bei dem ich ganz ich selbst sein kann."
Oder manchmal auch einfach: "Ich möchte mit Dir alt werden."
Mehr braucht es manchmal gar nicht. Gerade deshalb versuche ich bei meinen Trauungsreden nicht, besonders poetisch oder besonders spektakulär zu klingen. Ich möchte, dass ein Paar am Ende denkt: "Ja. Genau so sind wir."

Der schönste Moment ist nicht immer das Ja-Wort
Natürlich ist das "Ja" ein ganz besonderer Augenblick. Aber nach hunderten Trauungen weiß ich auch: Manchmal passiert der schönste Moment unmittelbar davor oder danach. Ein kurzer Blick zwischen den beiden, eine Hand, die plötzlich fester gedrückt wird, ein Lächeln, eine Träne, ein gemeinsames Lachen oder ein Satz, den nur die beiden verstehen.
Das sind die Momente, die man nicht planen kann. Und vielleicht sind genau diese ungeplanten Augenblicke das Schönste an einer Hochzeit.

Und irgendwann habe ich verstanden, worauf es wirklich ankommt
Wenn ich heute auf meine vielen Jahre als Standesbeamter zurückblicke und gleichzeitig meine Arbeit als freier Trauungsredner betrachte, bleibt für mich eine Erkenntnis besonders wichtig: Es geht nicht darum, die perfekte Hochzeit zu veranstalten.
Es geht darum, einen Tag zu gestalten, der zu Euch passt. Eine Zeremonie, bei der ihr Euch wiedererkennt. Worte, die wirklich Eure Geschichte erzählen. Menschen, die Euch wichtig sind. Und einen Moment, an den ihr auch Jahre später noch gerne zurückdenkt.
Vielleicht findet diese Trauung in einem festlichen Saal statt, vielleicht auf einer Wiese, vielleicht am See, vielleicht auch mitten im Wald. Vielleicht ganz klassisch, vielleicht völlig anders.
Der Ort und der Ablauf sind letztlich nur der Rahmen. Das Entscheidende sind immer die beiden Menschen, die sich dort gegenüberstehen.

Von der standesamtlichen Trauung zur freien Trauung
Nach vielen Jahren als Standesbeamter habe ich irgendwann gemerkt, dass ich noch eine andere Seite des Heiratens kennenlernen möchte. Eine Seite, bei der noch mehr Raum für Persönlichkeit, Geschichten, Emotionen und individuelle Wünsche bleibt. So entstand Besondere Trauungen.
Heute darf ich Paare als freier Trauungsredner begleiten – an besonderen Orten, zu besonderen Zeiten und auf eine Art, die zu ihnen passt.
Und vielleicht ist das eine der schönsten Erkenntnisse aus all meinen Jahren mit Hochzeiten: Es gibt nicht die eine richtige Art zu heiraten. Es gibt nur die Art, die sich für Euch richtig anfühlt.
Und genau darum sollte es bei einer Hochzeit gehen.