Trauungsreden im Wandel - von der A4-Seite zur persönlichen Geschichte

25.08.2026

Wenn ich heute eine standesamtliche Trauungsrede halte, habe ich meist rund zehn A4-Seiten vor mir. Zehn Seiten über zwei Menschen, ihre Geschichte, ihre Begegnung, ihre Gemeinsamkeiten, ihre Eigenheiten und natürlich darüber, warum sie heute hier stehen. Meine ersten Trauungsreden waren deutlich kürzer.

Eine A4-Seite musste reichen
Das ist mittlerweile rund 25 Jahre her. Damals habe ich meine ersten Trauungen von meinem Einschuler übernommen – und damit auch seine Trauungsrede. Sie begann mit einem Satz, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: "Und wohl einer der bedeutungsvollsten Augenblicke eines jeden erwachsenen Menschen ist jene Stunde, in der man sich mit einem anderen verbindet, um den Bund der Ehe zu schließen."
Danach folgten einige rechtliche Hinweise. Zum Beispiel: "Laut bürgerlichem Gesetzbuch ist die Ehe ein Vertrag, in dem zwei Menschen verschiedenen Geschlechts erklären, den Bund der Ehe einzugehen."
Anschließend das obligatorische Konsensgespräch – also die Frage, ob beide tatsächlich miteinander die Ehe eingehen möchten – und schon war die Trauung im Wesentlichen erledigt. Kurz, sachlich und rechtlich korrekt. Und irgendwie war das damals auch völlig normal.

Trauungen haben sich verändert – und ich mich auch
Wenn ich heute auf diese ersten Trauungen zurückblicke, muss ich ein wenig schmunzeln. Nicht, weil sie schlecht gewesen wären. Sie waren eben Ausdruck ihrer Zeit.
Eine standesamtliche Trauung war in erster Linie ein behördlicher Akt. Der Standesbeamte hatte die gesetzlichen Voraussetzungen zu prüfen, die notwendigen Erklärungen abzunehmen und die Eheschließung ordnungsgemäß durchzuführen.
Heute ist eine Trauung für viele Paare viel mehr. Natürlich gelten die rechtlichen Vorgaben nach wie vor. Aber eine Hochzeit ist eben nicht nur ein Verwaltungsakt. Sie ist ein ganz besonderer Moment im Leben zweier Menschen – und genau das sollte sich auch in den Worten widerspiegeln, die an diesem Tag gesprochen werden.
In den vergangenen 25 Jahren habe ich deshalb nicht nur unzählige Trauungen erlebt, sondern auch gelernt, Menschen und ihre Geschichten in den Mittelpunkt zu stellen.

Heute beginnt eine Trauungsrede nicht mit dem Gesetzbuch
Wenn ich heute ein Paar kennenlerne, interessiert mich nicht zuerst, wann sie den Antrag beim Standesamt gestellt haben. Mich interessiert:

   * Wie habt ihr Euch kennengelernt?
   * Was war Euer erster Eindruck voneinander?
   * Wer hat den ersten Schritt gemacht?
   * Was verbindet Euch?
   * Was bringt Euch zum Lachen?
   * Welche gemeinsamen Erlebnisse haben Euch geprägt?

Vielleicht war es ein Urlaub, bei dem nicht alles nach Plan gelaufen ist. Vielleicht eine zufällige Begegnung. Vielleicht eine gemeinsame Leidenschaft. Vielleicht ein Fußballplatz, ein Arbeitsplatz, ein Gasthaus oder einfach der berühmte Zufall.
Und natürlich interessiert mich auch, was die beiden aneinander besonders schätzen. Denn genau daraus entsteht eine persönliche Trauungsrede.

Zehn Seiten – und jede davon erzählt von zwei Menschen
Meine heutigen standesamtlichen Trauungsreden sind deshalb ungefähr zehn A4-Seiten lang. Und nein – das liegt nicht nur daran, dass sich zwischenzeitlich meine Sehschärfe und damit auch die Schriftgröße verändert haben. 😉 Es liegt vor allem daran, dass ich heute viel mehr über die Menschen erzählen möchte, die vor mir sitzen.
Eine gute Trauungsrede soll nicht austauschbar sein. Wenn man die Namen des Paares herausnimmt und durch andere ersetzt, sollte die Rede nicht mehr funktionieren. Sie sollte nur zu diesem einen Paar passen. Zu ihrer Geschichte. Zu ihrem Humor. Zu ihren Erlebnissen. Zu ihren Familien. Zu ihren kleinen Eigenheiten. Und manchmal auch zu den Dingen, über die beide gemeinsam lachen können.

Von der Standardrede zur persönlichen Trauung
Vielleicht ist das auch einer der größten Unterschiede zwischen meinen ersten Trauungen und meiner heutigen Tätigkeit als freier Trauredner. Früher habe ich eine Trauungsrede vorgetragen. Heute erzähle ich eine Geschichte. Eine Geschichte, die es genau so nur einmal gibt. Dabei geht es gar nicht darum, möglichst viele Seiten zu produzieren. Zehn Seiten sind kein Qualitätsmerkmal. Eine persönliche Trauungsrede kann auch kürzer sein. Entscheidend ist, dass die richtigen Dinge darin vorkommen.
Die kleinen Geschichten, die vielleicht auf den ersten Blick nebensächlich erscheinen, sind oft genau jene Momente, bei denen die Gäste später lächeln oder das Brautpaar sich ansieht und denkt: "Ja – genau das sind wir."

25 Jahre später
Wenn ich heute bei einer Trauung stehe, denke ich manchmal an meine ersten Jahre als Standesbeamter zurück. An die A4-Seite, an den etwas förmlichen Einstieg, an die rechtlichen Bestimmungen und natürlich an den Satz vom "bedeutungsvollsten Augenblick eines jeden erwachsenen Menschen".
Die rechtlichen Grundlagen sind geblieben. Die Verantwortung ist geblieben. Aber meine Vorstellung davon, was eine Trauung ausmacht, hat sich verändert. Aus einer A4-Seite sind zehn geworden. Aus einer vorgegebenen Rede wurde eine individuelle Geschichte.
Und aus dem Standesbeamten, der eine Eheschließung rechtlich vollzieht, wurde im Laufe der Jahre jemand, der vor allem eines gelernt hat: Zwei Menschen, die heiraten, haben immer eine Geschichte zu erzählen. Und genau diese Geschichte sollte an ihrem großen Tag auch gehört werden. Denn eine Hochzeit sollte nicht einfach nur rechtlich korrekt sein. Sie sollte persönlich sein. Emotional. Einzigartig. Und vor allem: ganz genau so, wie das Paar selbst.

Das ist für mich heute eine gute Trauungsrede!